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Das Museum während der nationalsozialistischen Besatzung (1940-1945)

Vor Kriegsausbruch stand das Museum unmittelbar vor seiner Eröffnung. 1939  wurden die Sammlungen allerdings noch auf Veranlassung der luxemburgischen Regierung ausgelagert.  Nach der Besetzung Luxemburgs am 10. Mai 1940 nutzten zunächst das Rote Kreuz sowie die deutsche Frontsammelstelle das Museumsgebäude zur provisorischen Unterbringung von Zivilisten bzw. von der Front heimkehrenden deutschen Soldaten.

Seit Ende 1940 unterstand das Museum im Rahmen der unter Gauleiter Gustav Simon stehenden deutschen Zivilverwaltung dann der Verwaltung der Höheren Kommunalverbandsangelegenheiten beim Chef der Zivilverwaltung.

Die nationalsozialistischen Machthaber entwickelten im Rahmen ihrer unter der Parole Heim ins Reich propagierten Germanisierungspolitik umfassende Pläne für das Museum: Es sollte erheblich vergrößert und zu einem Schaufenster „germanischer" Kultur und deutschen „Volkstums" werden. Angedacht war dabei auch ein beträchtlicher Aus- und Umbau der Museumsgebäude, er wurde jedoch kriegsbedingt nie in Angriff genommen.

Während der Besatzungsjahre wurden dennoch zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Dies ermöglichte mittelfristigden Aufbau professioneller Museumsdienste. Der Chef der Zivilverwaltung stellte überdies im Rahmen seiner kulturpolitischen Aufbaumaßnahmen weitere finanzielle Mittel zur Verfügung, mit denen Objekte angekauft werden konnten. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem Bereich der Volkskunde.

2.1. Die Ankäufe der Jahre 1940-1945

Die Inventarlisten verzeichnen für die Jahre 1940-1944 insgesamt nur rund 450 Einträge, für das Jahr 1945 sind keine Zugänge mehr zu verzeichnen gewesen. Da sich hinter einer Inventarnummer aber in vielen Fällen mehrere - manchmal über 100 - Einzelobjekte verbergen, ist die Zahl der erworbenen Objekte um ein vielfaches größer. Insgesamt wurden während der Besatzungsjahre ca. 3.500 Objekte in die Museumssammlungen aufgenommen.

Den überwiegendne Teil davon bilden Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Insgesamt schlagen die Ankäufe der Besatzungszeit daher auch nur mit knapp über 200.000 Reichsmark zu Buche. Der Durchschnittspreis der angekauften Objekte lag bei 60 Reichsmark.Nur vier Objekte wurden für jeweils mehr als 4.000 Reichsmark angekauft, kein einziges für mehr als 9.000 Reichsmark.

Unter den vom Museum angekauften Gegenständen spielen Kunstwerke nur eine untergeordnete Rolle. Gemälde wurden selten und nur im Verbund mit anderen landes- oder volkskundlich interessanten Objekten erworben. Ihr Ankauf erfolgte nicht wegen ihrer künstlerischen Qualität oder kunsthistorischen Bedeutung, sondern weil diese Bilder - es handelt sich vor allem um historische Porträts - ebenfalls einen direkten Bezug zur Landesgeschichte aufweisen.

2.2. Die Inventarlisten der Jahre 1940-1945 (siehe hier unten)

Das MNHA ist um vollständige Transparenz in Fragen der Provenienz seiner Sammlungsbestände bemüht. Das Museum legt daher seit 2006 die kompletten Registereinträge der Sammlungszugänge der Jahre 1940-1944 auf seiner Homepage vor und steht jederzeit für weitere Fragen zur Verfügung.

2.3. Die Sammlung Edmond Reiffers

Eine Ausnahme in der Ankaufspolitik der nationalsozialistischen Besatzungszeit stellt der Erwerb von Teilen der Kunstsammlung des luxemburgischen Notars Edmond Reiffers dar. Von mindestens 71 zu Kriegsbeginn in der Sammlung befindlichen Werken wurden auf Anweisung des Chefs der Zivilverwaltung in zwei Schritten - 1942 und 1944 - insgesamt 39 Kunstwerke angekauft und in das Museum überstellt (Inv. 1942-74/1-16 und Inv. 1944-22/1-23).

Der Verkauf erfolgte freiwillig. Für die fünfunddreißig Gemälde und vier Plastiken wurden 831.250 Reichsmark bezahlt. Damit entspricht der Ankauf der Sammlung Reiffers deutlich mehr als dem vierfachen Wert aller übrigen Ankäufe der Besatzungszeit zusammen. Auch die Tatsache, dass es sich bei den angekauften Objekten ausschließlich um Kunstwerke ohne jeden Bezug zur Landesgeschichte handelt, stellt eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Sammlungstätigkeit jener Jahre dar.

Die Sammlung Reiffers war nach heutigem Kenntnisstand in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren innerhalb eines Zeitraums von knapp zehn Jahren entstanden. Für 37 [RL1] der heute im Nationalmuseum befindlichen Gemälde ist nachgewiesen, dass sie spätestens 1935 zur Sammlung gehörten. Auch für die übrigen Kunstwerke ist ein Ankauf nach 1935 aufgrund der durch die Weltwirtschaftskrise bedingten prekären finanziellen Situation des Sammlers sehr unwahrscheinlich.

Der Ankauf für das Museumerfolgte trotz der eindeutig negativen Stellungnahmen der deutschen Gutachter und der fehlenden inhaltlichen Bezügezu Luxemburg. In der Sammlungstätigkeit des Museums stellte sie einen Fremdkörper dar. Das Museum war nicht in die Entscheidungsfindung eingebunden, die Museumsverantwortlichen sind offenbar nicht einmal um eine Einschätzung gebeten worden.

Das Motiv für den Ankauf der Sammlung ist eindeutig „innenpolitischer" Natur gewesen. Die absehbaren, schwerwiegenden Folgen eines Konkurses des Sammlers stellten in den Augen der nationalsozialistischen Zivilverwaltung eine Gefahr für die Stabilität des Besatzungsregimes dar.

Eine Übersicht über den Bestand der Sammlung liegt seit 1967 vor, vgl. Joseph-Emile Muller, Catalogue des Peintures anciennes. Luxemburg, 1967 sowie ders. Catalogue des Peintures anciennes. 2e édition 1976. Luxemburg, 1976.

Zur Geschichte der Sammlung Reiffers und dem Ankauf siehe Michel Polfer, Nationalsozialistische Kulturpolitik oder Herrschaftsstabilisierung? Zum Ankauf der Kunstsammlung des Luxemburger Notars Edmond Reiffers durch die deutsche Zivilverwaltung, in : Du Luxembourg à l'Europe. Hommages à Gilbert Trausch à l'occasion de son 80e anniversaire, édités par Jacques P. Leider, Jean-Marie Majerus, Michel Polfer und Marc Schoentgen. Luxemburg, 2011, S. 327-359.

Für eine leicht gekürzter Fassung siehe Michel Polfer, Die Sammlungen der Musées de l'Etat unter deutscher Besatzung (1940-1945): Zum Ankauf der Kunstsammlung des Luxemburger Notars Edmond Reiffers durch die deutsche Zivilverwaltung, in: Empreintes. Annuaire du Musée national d'histoire et d'art Luxemburg 4/2011 (2012), S. 52-65